Ganz langsam, fast zärtlich streifte sie den dünnen Satinträger über ihre Schulter. Danach den zweiten. Beim Öffnen des Reißverschlusses bewegte sich ihre Hand ein wenig zu schnell. Ein kleiner Ruck. Nein! Gott sei Dank nicht eingeklemmt. Das hätte der zart schimmernde, durchsichtige Hauch von Tüll und Taft, aus dem das Kleid gearbeitet war, das sie gerade mit Vorsicht und sehr viel liebevollem Feingefühl von ihren fast zierlichen Körper streifte, auch nicht schadlos überstanden.
Nachdem sie den Reißverschluss geöffnet hatte, und das filigrane Kunstwerk über ihre Hüften nach unten geglitten war, öffnete sie den Kleiderschrank. Sie nahm einen mit Stoff überzogenen Kleiderbügel von der Kleiderstange und hängte das Kleid fast zärtlich darüber.
"Nein, noch nicht im Schrank verschwinden!", dachte sie bei sich.
Noch zu offensichtlich und stark lagen das Flair, der Duft und die Erinnerungen an diese Nacht auf dem rosaroten Hauch von Stoff und Pailletten.
Sie hängt den Kleiderbügel, auf dem das Kleid noch mit Leben gefüllt wirkte, an die obere Kante des Schrankes. "Schön, wie es da so hing!", hörte sie es aus ihrem Inneren raunen. Er hatte sie nach dem Abschlussball an die Hand genommen, war mit ihr den schmalen Weg hinaufgegangen bis zu der Stelle, wo man über die gesamte Stadt schauen konnte. Hunderte Lichter waren von dort oben leuchtend und strahlend sichtbar.Das Mondlicht, das sich in den unzähligen silbrig schimmernden Metallscheibchen, die das Kleid übersäten, spiegelte und in eine unglaublich schöne Farbenpracht brach, machte aus ihr eine Traumfee, die an Cinderella zu erinnern schien.
Langsam hatte er sie an sich gezogen. Dieses warme , prickelnde Gefühl, das sie in diesem Moment durchflutete, konnte sie noch immer wahrnehmen. So als ob, es gerade erst geschehen würde. Dann hatte er ihr ganz verliebt ins Gesicht gesehen. Seine Augen verloren sich fast in den ihren. Ihr Herz begann zu rasen, dann diese Wärme, die sie durchflutete, als sie seine Lippen zärtlich, fast ängstlich auf ihren spürte. "Oh mein Gott- der erste Kuss!" hatte sie Minuten später gedacht.
Sie war glücklich, fühlte sich wirklich wie Cinderella. Sie wurde geliebt! Sie war eine begehrenswerte Frau. Im Spiegel der Schranktür, konnte sie sehen, wie sie leicht errötete. Sie schaute auf das Bild ihres Körpers, das ihr entgegenreflektierte und lächelte zufrieden. Ein warmer Schauer von Liebe und Zärtlichkeit bewegte sich wellenartig doch sanft streichelnd an ihrer Wirbelsäule herunter. Sie war glücklich. In Gedanken schien sie wie auf Wolken zu schweben.
"Mama, was machst du denn hier oben schon wieder? Papa warte unten auf dich und er ist alles andere als gut gelaunt!" tönte es plötzlich von irgendwo hinter ihr. Ein ungefähr 13 Jahre altes Mädchen stand in der Tür und schaute sie an, wie sie da vor dem Spiegel stand. In Unterwäsche. Sie errötete und ein etwas unangenehmerer Schauer bewegte sich nunr jetzt ihre Wirbelsäule hinunter. "Ich komme sofort!" rief sie dem Mädchen zu. Dann nahm sie das bunte Sommerkleid vom Bett, streifte es über ihren Körper und ging zur Tür. Als sie die Tür langsam hinter sich zuzog, fiel ein kurzer Blick auf das immer noch am Schrank hängende rosarote Ballkleid. Aus dieser Perspektive konnte man ihm die Jahre dann doch schon eindeutig ansehen, obwohl das Flair der Unendlichkeit wie ein zarter Nebel immer noch darüber schwebte..
Copyright Sabine Wilson
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